Warum interkulturelle Kompetenz im Alltag weiterhilft

Interkulturelle Kompetenz ist im Alltag wichtig

Warum interkulturelle Kompetenz im Alltag weiterhilft

Bei der Einschätzung eigener Fähigkeiten steht die interkulturelle Kompetenz gewiss nicht an erster Stelle. Aber spätestens bei interkulturellen Konflikten und Missverständnissen benötigen wir Kenntnisse und Fähigkeiten in diesem Gebiet. Interkulturelle Kompetenz zählt zu den wünschenswerten Soft Skills, die sowohl im Berufs- wie auch Privatleben helfen, sich mit Menschen anderer kultureller Prägung gut zu verständigen. Aber was genau macht diese Fähigkeit aus?

Das bedeutet der Begriff interkulturelle Kompetenz

Es gibt zahlreiche Definitionen für interkulturelle Kompetenz. Im Online-Lexikon für Psychologie und Pädagogik ist eine sehr umfangreiche Beschreibung zu finden. Bei Wikipedia ist folgendes nachzulesen (Stand: 16.04.2020): „Interkulturelle Kompetenz ist die Fähigkeit, mit Individuen und Gruppen anderer Kulturen erfolgreich und angemessen zu interagieren, im engeren Sinne die Fähigkeit zum beidseitig zufriedenstellenden Umgang mit Menschen unterschiedlicher kultureller Orientierung.“

Hintergrund: Die soziale Lage in Deutschland

Interkulturelle Kompetenz ist im Alltag wichtigDie Bundeszentrale für politische Bildung hat am 19.09.2019 die soziale Lage in Deutschland dargestellt. Basierend auf den Zahlen vom Statistischen Bundesamt des Jahres 2018 hatten 20,8 Millionen Menschen in Deutschland einen Migrationshintergrund, also etwa jeder Vierte. Von den Personen mit Migrationshintergrund haben 10,9 Millionen einen deutschen Pass (52,4 Prozent) und 9,9 Millionen eine ausländische Staatsangehörigkeit (47,6 Prozent). Jeder Dritte aus dieser Gruppe hat eigene Migrationserfahrungen, zwei Drittel wurden hier geboren.

Der Großteil der in Deutschland lebenden Menschen wurde hier geboren und wächst in diesen Kulturkreis hinein. In der Wissenschaft nennt man das Enkulturation. Der andere Teil der Bürger wurde mit anderen kulturellen Ursprungswurzeln oder Prägungen sozialisiert. Sie leben jetzt in einer anderen Kultur und es vollzieht sich eine gewisse Anpassung. Die Wissenschaft spricht bei diesem Prozess von Akkulturation. Und es gibt Menschen, die in zwei Kulturen leben und sich damit zurechtfinden müssen. Egal mit welcher Kulturerfahrung oder Prägung, alle diese Menschen zählen zur deutschen Gesellschaft. Interkulturelle Kompetenz ist also in der gesamten Bevölkerung erforderlich. Soziale Kontakte finden überall statt – im Kindergarten oder in der Schule, in der Behörde oder beim Einkaufen, in der Nachbarschaft, im Vereins- und im Berufsleben.

Aus der Forschung: Kultur hat Dimensionen

Der niederländische Kulturforscher Geert Hofstede hat sechs Dimensionen erforscht, die hinter der Prägung bestimmter Kulturkreise liegen. Alle Ergebnisse basieren auf Umfragen, die er in vielen verschiedenen Nationen durchgeführt hat. Erfasste Daten wurden in einer Datenbank gespeichert und stehen der Öffentlichkeit zur Verfügung. Hofstede hat die Erkenntnisse der Umfragen den Ländern zugeordnet. Das ermöglicht einen Vergleich (country-comparison), darf aber nicht zu Verallgemeinerungen führen. Die kulturelle Prägung ist zwar ein wichtiger Teil jeder Persönlichkeit und Identität, aber nicht der einzige. Hinzu kommen weitere Persönlichkeitsmerkmale und Erfahrungen. Daher muss jeder Mensch als Individuum betrachtet werden. Eine Kategorisierung anhand der kulturellen Prägung wird uns nicht gerecht.

Entscheidend ist bei jeder Begegnung das jeweilige Menschenbild. Will ich den Anderen verstehen und ihm auf Augenhöhe begegnen? Gestehe ich jedem Individuum Gleichwertigkeit zu, die in Deutschland vom Grundgesetz zugesichert wird? Kulturelle Zuschreibungen führen häufig zu stereotypisierten Auffassungen, zu Verallgemeinerungen ganzer Gruppen. Diese werden als die „Anderen“ stigmatisiert. Das beinhaltet automatisches (unreflektiertes) und stillschweigendes Aufwerten der eigenen Gruppe. Um dem vorzubeugen, ist interkulturelle Kompetenz unabdingbar.

In vielen meiner Trainings für Führungskräfte und Ehrenamtliche wird diese Forderung ganz klar artikuliert. Egal, ob es um die Stärkung der Kompetenzen im kommunikativen Bereich geht oder um allgemeine Sozialkompetenzen: Das Bedürfnis, die interkulturellen Fähigkeiten zu erweitern, wird immer wieder genannt.

Interkulturelle Kompetenz braucht Begegnung

Interkulturelle Kompetenz ist erlernbar und kann am besten in der Begegnung trainiert werden. Irritationen und Konflikte können nicht vollständig vermieden werden und sollten im offenen, konstruktiven Dialog geklärt werden. Beiderseitiges Einfühlungsvermögen ist hierbei eine große Hilfe. Dazu sagt Geert Hofstede: „Die jeweilige kulturelle Prägung bestimmt unsere Denk-, Fühl- und Handlungsweise.“ Das bedeutet, menschliche Wahrnehmungen erfolgen durch die jeweilige kulturelle Brille. Nach der Wahrnehmung einer bestimmten Situation folgen automatisch Interpretation und Bewertung. Die Signalverarbeitung erfolgt nahezu automatisiert im unterbewussten Teil des Gehirns. Hier wirkt ebenfalls unsere kulturelle Prägung. Menschen mit interkultureller Kompetenz wissen darum und reflektieren sich regelmäßig, bevor sie reagieren und handeln.

Mit interkultureller Kompetenz begegnen wir uns auf Augenhöhe. Wir halten andere Auffassungen sowie Mehrdeutigkeiten aus. Das wird in der Wissenschaft Ambiguitätstoleranz genannt. Es gibt keine Auf- oder Abwertung aufgrund der kulturellen Prägung, sondern ein Ertragen von Unterschieden.

Allerdings dürfen sich kulturbedingte Auffassungen oder Handlungen nicht gegen Gesetze, Menschenrechte oder die Menschenwürde richten. Interkulturelle Kompetenz soll nicht dazu führen, dass Unrecht verharmlost oder gar legitimiert wird. Hier hat Ambiguitätstoleranz ihre Grenze! Eine klare Haltung sowie ein deutliches Bekenntnis zu Werten, Regeln und Gesetzen sind erforderlich. Das gilt für alle Menschen, egal mit welcher kulturellen Prägung.

10 Tipps, wie Sie Ihre kulturelle Kompetenz fördern können:

  1. Das Wissen um andere Kulturen ist hilfreich.
  2. Fragen Sie nach, ohne auszufragen.
  3. Klären Sie Unsicherheiten und Irritationen frühzeitig.
  4. Zeigen Sie Interesse an Ihrem Gegenüber.
  5. Reflektieren Sie Ihre Wahrnehmungen.
  6. Achten Sie auf Verallgemeinerungen.
  7. Akzeptieren Sie Mehrdeutigkeiten, niemand muss alleine Recht haben.
  8. Versetzen Sie sich in die Lage Ihres Gegenübers.
  9. Seien Sie ständig bereit, dazuzulernen und Neues zu erkunden.
  10. Zeigen Sie klar Ihre Haltung und Ihren Standpunkt.

Autor: Andreas Sedlag, Theaterpädagoge und Kompetenztrainer, EOL-Trainer, NLP-Practitioner

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