Ernährung braucht Kompetenz – Mit Qualifizierung gegen den Fachkräftemangel

Ein vergleichsweise hoher Anteil an geringqualifizierten Mitarbeitern auf der einen Seite, ein handfester Nachwuchs- und Fachkräftemangel auf der anderen: In vielen Unternehmen der Ernährungswirtschaft sind nachhaltige Lösungen für personelle Herausforderungen gefragt. Mit „Kompetenz für Ernährung“ haben der Verband der Ernährungswirtschaft (VdEW) und das BNW eine Kampagne aufgelegt, mit der sie Unternehmen bei der Fachkräftesicherung gezielt unterstützen.

Digitalisierung und demografische Entwicklung, ein verändertes Konsum- und Ernährungsverhalten, steigende Anforderungen seitens der Gesetzgebung: Unternehmen aus der Ernährungswirtschaft haben es gegenwärtig gleich mit mehreren Herausforderungen zu tun. Die Rekrutierung von Auszubildenden und Fachkräften gestaltet sich branchenweit immer schwieriger. In Niedersachsen sind die vielen kleinen und mittleren Unternehmen der Ernährungswirtschaft häufig in ländlichen Regionen ansässig. Kandidaten für Ausbildungsberufe wie die Fachkraft für Lebensmitteltechnik und den Maschinen- und Anlagenführer sind hier immer schwieriger zu finden. Dahinter stecken vor allem diese Gründe: Demografiebedingt wird der Nachwuchs weniger, attraktive Wohn- und Lebensbedingungen ziehen die jungen Menschen in die Städte, Rahmenbedingungen wie Schichtarbeit wirken sich auf die Attraktivität der genannten Ausbildungsberufe aus, gleichzeitig wollen immer mehr junge Menschen studieren. Im Jahr 2017 konnten laut Lebensmittel Zeitung 2.222 Ausbildungsstellen nicht besetzt werden. Für die nächsten Jahre gilt: Nachfrage und Angebot von Arbeitskräften könnten in der Ernährungswirtschaft noch weiter auseinanderdriften. Gleichzeitig macht die zunehmende Automatisierung und Digitalisierung von Arbeitsprozessen ein Skill-Upgrade bei manchen Mitarbeitergruppen erforderlich.

Zukunftsfähig nur mit den richtigen Fachkräften

„Für uns ist es selbstverständlich, dass wir unsere Unternehmen bei dem wichtigen Thema Fachkräftesicherung unterstützen wollen“, sagt Michael Andritzky, Hauptgeschäftsführer des VdEW. Mit dem BNW als Kooperationspartner hat er eine Befragung von 200 Mitgliedsunternehmen in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen initiiert. Die zentrale Frage: Welche Personal- und Qualifizierungsbedarfe bewegen Sie?

Über 40 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, dass sie zwischen zehn und 20 Mitarbeiter weiterentwickeln müssen. Den höchsten Personal- und Qualifizierungsbedarf sehen die Firmen bei der Fachkraft für Lebensmitteltechnik, dahinter folgen die Maschinen- und Anlagenführer. Letztere steuern die Produktionsmaschinen, hier wird es digitalisierungsbedingt zunehmend technischer, ein Verständnis für den gesamten Produktionsprozess ist wichtig. EDV-Kompetenz, die allgemeine Einstellung zur Arbeit wurden in der Umfrage als übergreifende Themen genannt. Bezogen auf Automatisierung und Digitalisierung rücken solche Mitarbeiterqualifikationen in den Fokus.

Branchenspezifisch qualifizieren: Berufsabschluss, Sprachförderung, Produktion 4.0

Klar ist, die Branche hat Weiterbildungsbedarf. Deshalb haben VdEW und BNW ein Qualifizierungsprogramm für die Unternehmen der Ernährungswirtschaft in Niedersachsen aufgelegt. Es bietet Wege, personelle Lösungen zu entwickeln und zukunftsfähig zu bleiben. Auch ländliche Regionen werden abgedeckt. Ebenfalls enthalten ist eine gezielte Beratung hinsichtlich möglicher finanzieller Fördermöglichkeiten. Aufgrund der beschriebenen Herausforderungen bei der Gewinnung neuer Nachwuchs- und Fachkräfte lohnt es sich für die Unternehmen der Branche, ihren Blick und ihre Bemühungen nach innen zu richten. „Der große Vorteil unseres Modells ist, dass die Qualifizierung angepasst auf ihre betrieblichen Verhältnisse erfolgen kann. Vorhandene und erfahrene Mitarbeiter haben die Möglichkeit ihre Qualifikation deutlich zu verbessern. Der Ersatz erfolgt durch Neueinstellungen, die hierauf gezielt vorbereitet werden. Die Kompetenzentwicklung der eigenen Beschäftigten ist unerlässlich“, sagt Michael Andritzky, Hauptgeschäftsführer des VdEW.

Ein Fokus des Qualifizierungskonzeptes von VdEW und BNW liegt auf der sogenannten Teilqualifizierung. Ungelernte und geringqualifizierte Mitarbeiter erwerben in Modulen ausgewähltes Fachwissen aus anerkannten Ausbildungsberufen. Die Module sind einzeln buchbar. Werden alle Module innerhalb eines Berufsbildes abgeschlossen, steht am Ende der IHK-Abschluss. Weitere Angebote reichen von einer gezielten Sprachförderung, die es Mitarbeitern mit Migrationshintergrund ermöglicht, ihr Leistungspotenzial voll auszuschöpfen bis hin zu Seminaren für Führungskräfte zu Themen wie Produktion 4.0, Zusammenarbeit in Produktions-Teams, Shopfloor Management u.a. Durch Kooperationen mit der Bundesagentur für Arbeit, Jobcentern und dem Personaldienstleister Randstadt gibt es außerdem die Möglichkeit, potenzielle Mitarbeitende gezielt auf eine Arbeitsaufnahme vorzubereiten, zu qualifizieren und anfänglich zu begleiten. Statt aufwändiger Suchen auf dem Arbeitsmarkt können neue Mitarbeiter so gezielt auch auf anderen Wegen gefunden werden.

Das Qualifizierungskonzept eignet sich besonders für die Berufsbilder der Ernährungswirtschaft, die von digitalen und demografischen Veränderungen betroffen sind. Die begleitende Kampagne „Kompetenz für Ernährung“ baut auf den verbesserten Fördermöglichkeiten der Weiterbildung auf, die seit Inkrafttreten des Qualifizierungschancengesetzes am 1. Januar 2019 bestehen. Mit der Übernahme von Weiterbildungskosten und Arbeitsentgeltzuschüssen durch Agentur für Arbeit und Jobcenter werden Unternehmen bei der Weiterbildung ihrer Mitarbeiter unterstützt. Gefördert werden abschlussorientierte Maßnahmen für geringqualifizierte Mitarbeiter ohne (verwertbaren) Berufsabschluss, z.B. Teilqualifizierungen, Umschulungen oder Prüfungsvorbereitungen. Daneben wird die Weiterbildung von Beschäftigten gefördert, deren Tätigkeiten durch neue Technologien ersetzt werden können.

TQ: Gezielte und schnelle fachliche Qualifizierung

Matthias Böttjer, Ausbilder Produktion bei der Buss Fertiggerichte GmbH aus Ottersberg bei Bremen, ist regelmäßig auf Ausbildungsmessen unterwegs und leistet Überzeugungsarbeit bei den Jugendlichen. „Jedes Jahr wird es schwieriger, Schüler für eine Ausbildung in der Produktion zu begeistern“, sagt er und ergänzt: „Deswegen suchten wir schon lange nach einem geeigneten Qualifizierungskonzept für unsere bestehenden Mitarbeiter. Etwas, das sie auf die nächste Stufe hebt.“ Denn auch wenn diese seit Jahren de facto die Arbeiten von Fachkräften übernehmen, fehlt manchen auf dem Papier der Berufsabschluss. „Gemeinsam mit dem BNW und dem Personaldienstleister Randstad wurde bei uns erstmals eine TQ zum Maschinen- und Anlagenführer mit dem Ausbildungsschwerpunkt Lebensmitteltechnik gestartet“, sagt Matthias Böttjer. Der Vorteil liege darin, dass Mitarbeiter gezielt weiterentwickelt werden, damit sie anspruchsvollere Tätigkeiten übernehmen. Außerdem gut für Unternehmen: Das Lernen im Rahmen der TQ findet im Arbeitskontext statt, direkt im Unternehmen und an den eigenen Maschinen. „Für uns ergibt sich darüber die Möglichkeit, Mitarbeiter fachlich fit zu machen und als kompetente Fachkräfte im Unternehmen zu halten und einzusetzen. Eventuell können sie dann auch offene Positionen übernehmen, die noch komplexere Aufgaben oder noch mehr Verantwortung beinhalten“, sagt Matthias Böttjer.

 

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